Multipsychismus

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Ich habe eine Theorie des Bewusstseins, die ich noch nie zuvor formuliert gehört habe. Du kannst schauen, welchen meiner Annahmen und Schlussfolgerungen du folgen magst.
Ich verwende den Begriff Bewusstsein hier synonym mit Qualia, also Empfindungen, phänomenalem Bewusstsein, und meine nicht zwangsläufig Selbstreflexion oder "sich seiner Selbst bewusst sein".

Makroskopischer Determinismus

Das Universum stellt sich für uns (bis auf Quanteneffekte) deterministisch dar. In allen makroskopischen Beobachtungen treten kausale Zusammenhänge auf. Es gibt keine Wirkungen ohne Ursachen. Wenn wir bestimmte makroskopische Entwicklungen nicht vorhersagen können (z.B. bei chaotischen Systemen wie dem Wetter oder dem Dreikörperproblem), dann liegt es daran, dass unsere Kenntnis der Anfangszustände oder unsere Rechenkapazität unzureichend ist, und nicht daran, dass die exakt gleichen Voraussetzungen zu unterschiedlichen Entwicklungen führen können. In der makroskopischen Welt ist die Entwicklung eines Systems festgelegt durch seine Anfangsbedingungen.

Mikroskopischer Zufall

Auf quantenmechanischer Ebene treten zufällige Ereignisse auf. Hier gibt es Wirkungen ohne ersichtliche Ursachen, beispielsweise radioaktiven Zerfall. Wir können nicht vorhersagen, wann ein Atom zerfällt, aber für eine große Menge von Atomen können wir mit großer Genauigkeit vorhersagen, wann die Hälfte zerfallen sein wird. Was im Einzelfall zufällig wirkt, zeigt in großen Mengen ein stabiles, exakt beschreibbares Wahrscheinlichkeitsmuster. Und die Bellsche Ungleichung zeigt, dass es keine lokale und realistische Theorie mit verborgenen Variablen gibt, die die Quanteneffekte erklärt.

Es gibt keinen freien Willen

In der makroskopischen Welt haben wir also Determinismus, in der mikroskopischen Welt Zufall. Im Gesamtbild ergibt sich die Schlussfolgerung, dass unser Verhalten allein durch die deterministischen und zufälligen Ereignisse bestimmt ist, die in unserem Gehirn stattfinden. Das Gehirn erklärt unser Verhalten vollständig. Bewusstsein ist eine reale Eigenschaft physischer Systeme, die vollständig durch physische Prozesse bestimmt ist, aber derzeit nicht in physikalischen Begriffen beschrieben oder von außen gemessen werden kann. Für einen libertären freien Willen als unabhängigen Ursprung von Handlungen gibt es keinen Platz. Das Bewusstsein entscheidet nichts. Es begleitet nur das, was ohnehin passiert. Es ist ein Beobachter, kein Verursacher.

Bewusstsein ist eine Funktion komplexer Regelprozesse

Niemand weiß, was Bewusstsein ist oder wie es entsteht, aber wer nicht daran glauben möchte, dass eine Pommesgabel ein Bewusstsein hat (Panpsychismus), setzt normalerweise die Existenz komplexer Regelprozesse voraus, die in der Folge ein Bewusstsein erzeugen. Bewusstsein braucht also Regelprozesse, und bestimmte Muster von Regelprozessen erzeugen zwangsläufig ein Bewusstsein beziehungsweise gehen mit ihm einher. Es ist anzunehmen, dass es ein minimales notwendiges Muster gibt, welches ein sehr simples, rudimentäres Bewusstsein hervorruft. Eine einfachste Verschaltung, die das einfachste mögliche Bewusstsein erzeugt.

Unerforschbarkeit

Wenn wir diesen Annahmen folgen, stellen wir fest, dass Bewusstsein kaum mit wissenschaftlichen Mitteln erforschbar ist. Wenn Bewusstsein nur Beobachter und kein Verursacher ist, können wir aus dem Verhalten von Menschen oder Tieren keine Schlüsse über ihr Bewusstsein ziehen. Du könntest das einzige Wesen im Universum mit Bewusstsein sein und hättest keine Möglichkeit, das jemals zu überprüfen (Philosophischer Zombie). Du weißt aber, dass auch ich ein Mensch bin, wir eine nahe evolutionäre Verwandtschaft haben und ähnliches Verhalten zeigen. Auch Affen und Hunde und viele weitere Tiere zeigen Verhalten, das dich dazu einlädt, sich in sie hineinzuversetzen, und du würdest vielleicht vermuten, dass auch sie Empfindungen haben.

Kombinationsproblem

Wir nehmen an, dass zumindest einige Tiere ein Bewusstsein haben – etwa Fische, Amphibien oder kleine Säugetiere. Wo genau Bewusstsein entsteht, wissen wir nicht. Es liegt jedoch nahe, dass einfachere Regelprozesse existieren, die mit rudimentären Formen von Bewusstsein einhergehen.
In vielen herkömmlichen Theorien stößt man auf das sogenannte Kombinationsproblem: Wenn bereits solche einfachen Prozesse Bewusstsein tragen, stellt sich die Frage, warum komplexere Systeme nicht mehrere Bewusstseine enthalten, sondern nur eines. Stattdessen wird angenommen, dass mehrere dieser Prozesse zu einem „dominanten“ Bewusstsein zusammengefasst werden.
So hätte etwa ein Fisch ein Bewusstsein, während ein komplexeres Gehirn – etwa das eines Reptils oder Menschen – trotz vieler potenziell bewusster Teilprozesse ebenfalls nur ein einziges Bewusstsein besitzen soll. Dies setzt einen Mechanismus voraus, durch den mehrere Bewusstseinseinheiten zu einer einzigen vereinigt werden.
Ich halte es für plausibel, dass ein Verschaltungsmuster, das aus mehreren kleineren Mustern zusammengesetzt ist, ein eigenes, übergeordnetes Bewusstsein haben kann. Unklar bleibt jedoch, wie ein solcher Mechanismus die Bewusstseine der untergeordneten Prozesse aufheben oder unterdrücken sollte. Da hierfür keine überzeugende Erklärung vorliegt, folge ich dieser Annahme nicht.

Split Brain

Manche Bewusstseinsforscher behaupten, dass sich bei Menschen, deren Corpus callosum durchtrennt wurde, welches normalerweise die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet, zwei Bewusstseine zeigen. Da meine Annahme ist, dass Bewusstsein keinen Einfluss auf das Verhalten hat und man es somit auch nicht erkennen kann, folge ich auch dieser Annahme nicht. Split Brain ist sicher eine gute Möglichkeit, etwas über die Funktionsweise des Gehirns zu erfahren, liefert aber keine Erkenntnisse über das Bewusstsein, da das Bewusstsein nur ein stummer Begleiter ist, kein Verursacher.

Meine Schlussfolgerung

Meine Schlussfolgerung ist etwas, das ich hier Multipsychismus nenne. Ein Regelprozess, der komplex genug ist, erzeugt ein Bewusstsein, und viele komplexe Regelprozesse erzeugen eben viele Bewusstseine. Mein Bewusstsein ist sich der Bewusstseine anderer Menschen nicht unmittelbar bewusst, und genauso ist es sich auch den benachbarten Bewusstseinen in meinem eigenen Körper nicht bewusst. Viele der Bewusstseine könnten hochentwickelt sein und eine Vorstellung meiner Person haben, aber bestimmt sind auch viele sehr rudimentär - Tierbewusstseine, die vielleicht nur Hunger oder andere Bedürfnisse spüren. Welches Bewusstsein diesen Text schreibt? Keines, das macht mein Gehirn automatisch. Aber wahrscheinlich gibt es viele Subjekte, die diesen Prozess erleben.
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